El Niño 2026: Die Katastrophe beginnt nicht mit der Dürre

Vertrocknete Erde als Symbolbild für El Niño 2026

Das Wetterphänomen El Niño ist zurück und kündigt sich als eines der stärksten seit Jahrzehnten an. Für Menschen in ohnehin krisengeprägten Regionen entscheidet sich jetzt, ob daraus eine Hungerkatastrophe wird.

Das Wichtigste auf einen Blick

  • Im Juni 2026 wurde bestätigt, dass das El-Niño-Phänomen eingesetzt hat.
  • Aktuelle Beobachtungsdaten deuten darauf hin, dass sich El Niño zum Jahresende zu einem sehr starken bis außergewöhnlichen Ereignis entwickelt.
  • El Niño bringt Wetterextreme in beide Richtungen, sowohl Dürren als auch Überschwemmungen.
  • El Niño verursacht nicht automatisch Hungersnöte, wirkt jedoch als Krisenverstärker.
  • Vorsorgemaßnahmen können die Folgen von El Niño reduzieren.

Ein Krisenrisiko mit monatelanger Vorwarnzeit

El Niño ist kein plötzliches Ereignis, dem die Welt hilflos ausgeliefert ist. Wissenschaftliche Prognosen ermöglichen inzwischen, bereits Monate zuvor abzuschätzen, ob ein El-Niño-Ereignis ansteht und wie stark es ausfallen könnte. So lässt sich rechtzeitig vorsorgen. Insbesondere die National Oceanic and Atmospheric Administration der USA (NOAA) erhebt konstant präzise Daten, interpretiert und veröffentlicht diese monatlich.

Darüber hinaus startet auch ein sehr starker El Niño stets schwach und verstärkt sich erst im Laufe der Monate zum Jahreswechsel. Mit Daten auf Grundlage von Oberflächen- und Tiefenwassertemperaturen sowie atmosphärischen Veränderungen wie z. B. der Walker-Zirkulation lässt sich Monate im Voraus mit einer gewissen Sicherheit modellieren, wie stark El Niño ausfallen wird.

Entwicklung des El Niño 2026

Bereits im Mai 2026 bezifferten die Klimazentren der World Meteorological Organization (WMO) die Wahrscheinlichkeit für El-Niño-Bedingungen im Zeitraum Juni bis August auf 80 Prozent und für die Folgemonate auf rund 90 Prozent [1]. Am 11. Juni bestätigte die WMO, dass das Phänomen eingesetzt hat und sich bis zum Jahresende voraussichtlich zu einem intensiven Ereignis verstärkt [2]. Die US-Wetterbehörde NOAA rechnet inzwischen mit einer Wahrscheinlichkeit von 81 Prozent, dass El Niño zwischen Oktober und Dezember als ein sehr stark ausfallendes Ereignis klassifiziert wird und geht mit 97 Prozent davon aus, dass das Phänomen bis ins Frühjahr 2027 anhält [3]. 

Dabei muss auch die Tatsache bedacht werden, dass dieser El Niño auf eine durch den Klimawandel bereits deutlich wärmere Welt trifft. Die zusätzliche Energie im System kann Wetterextreme begünstigen und verstärken. Dadurch können sowohl Dürren als auch Flut- und Sturmereignisse in betroffenen Ländern zusätzlich verstärkt werden.

Beim monatlichen Update von NOAA am 9. Juli 2026 lag die Wasseroberflächentemperatur bei +1,2 °C [4]. Im wöchentlichen Update des International Research Institute for Climate and Society der Columbia University (IRI) lagen die Wasseroberflächentemperaturen in der letzten Juliwoche laut IRI-Berechnungen auf Basis der NOAA-Tagesdaten bei durchschnittlich +2,1 °C, was eine sehr starke Erwärmung darstellt [5]. 

Der Unterschied erklärt sich dadurch, dass NOAA in seinem monatlichen Lagebericht den Stand Anfang Juli bewertet, während das IRI bereits die neueren täglichen NOAA-Messungen bis Ende Juli auswertet. Ein Wochenwert über +2 °C deutet darauf hin, dass sich im tropischen Pazifik eine sehr große Menge an überschüssiger Wärme und damit Energie angesammelt hat, ist aber noch kein sicherer Beleg für einen sehr starken El Niño. Ob dieser letztendlich eintritt, hängt davon ab, ob die Wärme in den kommenden Monaten anhält und wie sich die Walker-Zirkulation verhält. 

Derzeit sprechen die Beobachtungsdaten und die Modellierungen für ein sehr starkes bis hin zu einem außergewöhnlichen El-Niño-Ereignis.

Genau dies ist für die humanitäre Arbeit die entscheidende Information: Die Krise kündigt sich mit einem Vorlauf von Monaten an. Humanitäre Organisationen können sich darauf vorbereiten und somit die Folgen für Menschen in betroffenen Regionen etwas eindämmen.

Wie El Niño entsteht und wie das Phänomen wirkt, erklären wir ausführlich auf unserer Themenseite:

Ostafrika: Dürre trifft auf ohnehin fragile Staaten

Die Auswirkungen sind in Ostafrika bereits messbar. Das Frühwarnsystem FEWS NET meldete Mitte Juli, El Niño sei präsent, und beschrieb für weite Teile Ostafrikas heiße und ungewöhnlich trockene Bedingungen [6]. Seit mehr als 30 Tagen fällt in Äthiopien, im nördlichen Eritrea, im Südsudan, im östlichen Teil der Zentralafrikanischen Republik, im Nordosten der DR Kongo, in Uganda und im Westen Kenias deutlich zu wenig Regen; im südlichen Südsudan haben die anhaltenden Defizite bereits zu einer Dürre geführt [6]. Hinzu kommen aktuell ungewöhnlich hohe Temperaturen von über 35 °C [6]. Dass zugleich die Sudd-Feuchtgebiete im Südsudan überflutet sind, zeigt das typische Muster. El Niño bringt Extreme in beide Richtungen: Während die einen Landesteile überflutet sind, können andere mit einer Dürre kämpfen [6].

Die aktuelle Dürre und die hohen Temperaturen in Ostafrika sind jedoch nur ein Teil des Problems. Nach der Dürre folgen in El-Niño-Jahren vielerorts ab Oktober deutlich überdurchschnittliche Regenfälle, die zu Überschwemmungen führen können – mit der Folge zerstörter Infrastruktur, verlorener Ernten und ausbrechender Krankheiten. Dies trifft die Menschen in einer durch die Dürre vulnerablen Situation.

Wie Klimaschocks Ernährungskrisen verschärfen und Gesellschaften destabilisieren

Rund 85 Prozent der durch El Niño verursachten wirtschaftlichen Verluste entfallen bedingt durch Dürre, Hitzewellen und Überschwemmungen auf den landwirtschaftlichen Sektor [2]. Dabei muss eine schlechte Ernte nicht zwangsläufig Hunger bedeuten. Hier ist entscheidend, ob Staaten, Märkte und Hilfssysteme den Ausfall kompensieren können. 

Während wohlhabende Länder durch Reservelager und Importe gegensteuern, bedeutet eine schlechte Ernte in einkommensschwachen Ländern insbesondere für Kleinbäuer:innen oft den Verlust der Nahrungsgrundlage und des Einkommens. Sind mehrere Regionen, wie bei einem starken El-Niño-Phänomen, von Ernteverlusten betroffen, steigen die Marktpreise überregional. Nahrungsmittel werden dann für Familien mit geringem Einkommen oft unerschwinglich. Dies ist nochmals kritischer in Ländern, die von Konflikten betroffen sind. Hier treffen der Ernteverlust und die hohen Marktpreise auf fragile Versorgungssysteme und häufig schwache staatliche Strukturen.

So haben FAO und WFP aktuell 22 Länder zu Schwerpunktländern erklärt [7]. Nicht alle 22 Länder sind extrem von El Niño betroffen. Neben den Vorhersagen zu El Niño und dessen Auswirkungen zählten historische Wetterereignisse, landwirtschaftliche Kalender und das derzeitige Ausmaß der Ernährungsunsicherheit (beispielsweise bedingt durch Konflikte) zu den wichtigsten Entscheidungsfaktoren. 

Auch Afghanistan und Pakistan zählen zu den Schwerpunktländern [7]. Die beiden Länder wurden nicht ausgewählt, weil El Niño dort zwangsläufig die stärksten Auswirkungen verursacht, sondern weil klimatische Risiken auf bereits bestehende Ernährungskrisen treffen.

In Südasien zeigen sich ebenfalls erste Auswirkungen. In Indien beispielsweise liegt der Monsunregen bereits 40 Prozent unter dem Durchschnitt, was die Aussaat von Baumwolle, Soja und Mais verzögern könnte [3]. Hinzu kommen Hitzewellen, die Mensch, Tier und Pflanzen belasten. Denn Hitzewellen betreffen aktuell nicht nur Europa: Asiatische Länder wie Pakistan, Indien und Bangladesch haben bereits früh in diesem Jahr Temperaturextreme von deutlich über 45 °C erlebt [8]. 

Wichtig: El Niño verursacht nicht automatisch Hungersnöte.

Entscheidend ist, wo El Niño auf bestehende Krisen und fragile Kontexte trifft. Ein Ernteausfall in Deutschland ist ein wirtschaftliches Problem. Dieselbe ausgefallene Ernte kann jedoch im Südsudan, in Somalia oder Teilen Äthiopiens für Millionen Menschen existenzbedrohend werden, weil dort Einkommen, Ernährung und lokale Märkte unmittelbar von der Ernte abhängen und es keine staatlichen Sicherheitsnetze gibt.

El Niño: Globale Auswirkungen

El Niño hat globale Folgen, denn Missernten in mehreren Anbauregionen haben häufig Auswirkungen auf die internationalen Agrarmärkte. So können schlechte Ernten im Pazifikraum auch in Europa die Preise für Kaffee, Zucker und Kakao steigen lassen [3]. Da mehrere große Agrarregionen gleichzeitig betroffen sein können, steigen nicht nur lokale Risiken, sondern auch globale. 

Auch internationale Lieferketten und Agrarmärkte geraten unter Druck. Die Situation wird zusätzlich durch den Nahostkonflikt und die gesperrte Straße von Hormus verschärft.

Gravierend ist auch die politische Dimension. Eine im Fachjournal PNAS veröffentlichte Analyse von mehr als 500 bewaffneten Konflikten zwischen 1950 und 2023 zeigt, dass in Regionen, in denen El Niño lange Trockenphasen auslöst, die Wahrscheinlichkeit von Gewaltkonflikten statistisch steigt [9]. 

Klimaschwankungen allein verursachen jedoch keine Kriege – sie wirken dort als Risikomultiplikator, wo Armut, Ungleichheit und schwache Regierungsführung eine Gesellschaft bereits destabilisiert haben [9]. Entscheidend ist, ob ein Staat im Krisenfall eingreifen kann. In Ländern wie dem Südsudan fehlt diese staatliche Möglichkeit [9] – ausgerechnet dort, wo FEWS NET bereits aktuell starke Auswirkungen von El Niño meldet [6].

Vorsorge entschärft die Krisen und kostet einen Bruchteil der Nothilfe

Die gute Nachricht: Wer die Vorwarnzeit nutzt, kann Leben retten. In Honduras, Guatemala und El Salvador hat das Welternährungsprogramm einen vorausschauenden Hilfsplan über 3,8 Millionen US-Dollar aktiviert, mit dem sich über 75.000 Menschen durch Bargeldhilfen und Grundnahrungsmittel auf die Knappheit vorbereiten können [2]. Die FAO unterstützt Kleinbauernfamilien mit kurzzyklischem Saatgut, Systemen zur Regenwassernutzung und Schutzmaßnahmen für Vieh [2]. Solche Maßnahmen kosten nur einen Bruchteil dessen, was die Reaktion nach Ausbruch des Notstands kostet [2]. Auch die WMO rät Regierungen und Hilfsorganisationen, sich frühzeitig auf die Folgen für Landwirtschaft, Gesundheit sowie Energie- und Wasserversorgung einzustellen [3].  

Dass Vorbereitung wirkt, belegt der Vergleich zweier Ereignisse: Während des El Niño 1997/98 in Mittelamerika mehr als 1.200 Menschenleben zugeschrieben werden, sank diese Zahl 2014–2016 dank besserer Frühwarnsysteme drastisch [2].

Das größte Hindernis ist hier aktuell ein strukturelles: Prävention wird bei knappen Mitteln häufig als Erstes gestrichen [2]. Knappe Mittel bestimmen nicht erst seit 2026 den humanitären Sektor. Dabei ist vorausschauende Katastrophenhilfe günstiger und könnte gerade in der aktuellen Finanzierungslücke des Sektors Entlastung bringen. Die frühzeitige Ausgabe von dürreresistentem Saatgut, Impfungen für Mensch und Tier, Futtermittel, frühzeitiges Management von Wasserreservoirs oder auch zeitige Einlagerung von Getreide benötigen weniger finanzielle Ressourcen als die Nothilfe in der Katastrophe [2].

Nach Kalkulationen der FAO steht die vorausschauende Hilfe vor der Krise zur Nothilfe in der Krise in einem Verhältnis von eins zu sieben. Sprich: Ein frühzeitig investierter Dollar ersetzt 7 Dollar in der Krise [7]. Finanzielle Mittel für Prävention sind auf den ersten Blick wenig attraktiv, doch humanitäre Hilfe darf nicht erst beginnen, wenn Menschen hungern, sondern wenn wissenschaftliche Prognosen zeigen, dass Menschen hungern werden. 

El Niño lässt sich nicht verhindern, die Folgen lassen sich jedoch begrenzen. Die wissenschaftlichen Daten liegen heutzutage Monate im Voraus vor. Ob daraus eine humanitäre Katastrophe entsteht, entscheidet deshalb nicht allein das Wetter – sondern wie konsequent Politik, Geber und Hilfsorganisationen diese Vorwarnzeit nutzen.

Dominika Schneider
Dominika Schneider

arbeitet seit 2020 als Referentin Umwelt, Landwirtschaft und ökologische Nachhaltigkeit bei der Hilfsorganisation Help – Hilfe zur Selbsthilfe.

[1] World Meteorological Organization (WMO). World Meteorological Organization: El Niño/La Niña Update, Mai 2026.

[2] UN Office for Disaster Risk Reduction (UNDRR). UN Office for Disaster Risk Reduction: ‘The impact of El Niño will be shaped by what we decide today’, 23. Juli 2026.

[3] Deutschlandfunk. „El Niño steuert auf Rekordstärke zu", 21. Juli 2026.

[4] Climate Prediction Center, NCEP, NWS. ENSO Diagnostic Discussion - NOAA, 9. Juli 2026.

[5] International Research Institute for Climate and Society (IRI). CCSR/IRI Technical ENSO Update and Model-Based Probabilistic ENSO Forecast, 20. Juli 2026.

[6] Famine Early Warning Systems Network (FEWS NET). Global Weather Hazards Summary, 16.–22. Juli 2026, 15. Juli 2026.

[7] Food and Agriculture Organization of the United Nations (FAO). Bracing for El Niño: FAO and WFP launch joint appeal to protect 8.8 million people from extreme weather events, 18. Juni 2026. 

[8] Al Jazeera. ‘A calamity’: Why is a record heatwave sweeping South Asia?, 8. Mai 2026.

[9] BR24. „Studie: Klimaschwankungen erhöhen das Risiko für Kriege", 21. Mai 2026.

Zuletzt geändert am von Dominika Schneider