Hormus-Blockade 2026: Wie die Nahost-Krise den Hunger verschärft

Help-Projektteilnehmerin erntet Tomaten auf Feld in Syrien

Dominika Schneider ist Referentin Umwelt, Landwirtschaft und ökologische Nachhaltigkeit bei Help. In diesem Artikel erklärt sie, wie die Nahost-Krise die globalen Nahrungsmittelsysteme beeinflusst – und warum jetzt gehandelt werden muss.

Der eskalierende Nahost-Konflikt wird in den kommenden Monaten die Nahrungsmittelsicherheit von vielen Menschen in Afrika, Südasien oder in der Karibik bedrohen. Trotz der geografischen Entfernung hat insbesondere die Blockade der Straße von Hormus eine Kettenreaktion ausgelöst, die Energie- und Düngemittelpreise in die Höhe treibt, Lieferketten zerrüttet und die humanitäre Hilfe vor enorme Herausforderungen stellt. Dies bedeutet insbesondere für Menschen im globalen Süden eine Verschlechterung der Ernährungssicherheit, die erhebliche Ausmaße annehmen kann.

Die Straße von Hormus: Mehr als eine geopolitische Engstelle

Die Straße von Hormus, eine schmale Meerespassage zwischen dem Persischen Golf und dem Golf von Oman, ist eine der bedeutendsten Wasserstraßen der Welt. Dies gilt sowohl für konventionelle Düngemittel und Rohstoffe, die zur Düngemittelproduktion benötigt werden als auch für fossile Brennstoffe. Im Jahr 2024 passierten rund ein Drittel des global gehandelten Düngemittels, etwa 20 Prozent des weltweiten Flüssiggases (LNG) und 27 Prozent des international gehandelten Erdöls die Straße von Hormus. [1]

Als Reaktion auf die Angriffe der USA und Israel beschränkte die iranische Führung massiv den Schiffsverkehr durch die Wasserstraße, was zu einem abrupten Anstieg der Energie- und Düngemittelpreise weltweit führte. Zudem wurden von den Konfliktparteien Produktionsstandorte und Exporthäfen beschädigt oder werden blockiert, darunter die Industriestadt Ras Laffan in Katar für Flüssiggas und Irans Ölhafen Kharg Island. [1]

Düngemittelmärkte unter Schock: Von der Meeresenge zum Acker

Die Golfregion ist eine der wichtigsten Lieferquellen für konventionelle landwirtschaftliche Düngemittel sowie Rohstoffen zur Düngemittelherstellung weltweit. Zwischen 2023 und 2025 stammten 36 Prozent der globalen Harnstoffexporte (Stickstoffdünger) aus den Golfstaaten, 29 Prozent der weltweit gehandelten Ammoniumexporte (Stickstoffdünger) kamen ebenfalls aus dieser Region – mit Iran und Katar als größten Exporteuren. [1] Neben den Stickstoffdüngern exportieren die Golfstaaten auch 50 Prozent des global gehandelten Schwefels (Sulfur), der eine Schlüsselkomponente für Phosphatdünger ist. [2]

Durch die unterbrochenen Lieferketten haben große Düngemittelproduzenten wie QAFCO in Katar und SABIC Agri-Nutrients in Saudi-Arabien force majeure erklärt und die Produktion vorübergehend eingestellt. Mitte März 2026 lagen Dutzende Schiffe mit über 1 Mio. Tonnen Düngemittel im Persischen Golf fest – ohne sichere Durchfahrtsmöglichkeit. [3]

Die Folge: Die Preise für Düngemittel und Düngemittelrohstoffe sind auf einem neuen Hoch. Hier ist festzustellen, dass diese 2025 bereits vor dem Anstieg durch den Konflikt auf hohem Niveau lagen. 

Im April 2026 erreichten die Preise für Stickstoffdünger (Harnstoff) jedoch ein neues Hoch und lagen rund 180 Prozent über Vorjahresniveau (April 2025) und 40 Prozent höher als die Preise Anfang 2026. Ähnlich hoch ist Schwefel (Sulfur) mit rund 185 Prozent über dem Vorjahresniveau 2025.

Zum Vergleich: Weizen und Mais legten bisher nur um etwa 6 Prozent zu, während die Reispreise sogar fielen. [3] Die eigentliche Gefahr liegt nicht in sofortigen Lebensmittelpreisschocks, sondern in einer sich schleichend aufbauenden Krise der landwirtschaftlichen Produktion.

Der Dominoeffekt: Wie teure Energie zu Hunger wird

Neben der direkten Blockade von Düngemitteltransporten wirkt sich auch die Blockade und Verteuerung von Erdgas auf die Düngemittelproduktion aus. Erdgas ist nicht nur Treibstoff sondern maßgeblich Teil der Produktion von konventionellem Dünger. Industrielle Stickstoffdünger (Harnstoff, Ammoniumnitrat, Ammoniumsulfat und Ammoniumphosphat) werden aus Ammoniak hergestellt, für die Produktion von Ammoniak bedarf es wiederum Erdgas als wichtigen Rohstoff und auch Energieträger. 

Für eine Tonne Ammoniak werden in der Herstellung etwas über 1000 m³ Erdgas im internationalen Mittel benötigt. Neben den Kosten für den Rohstoff Erdgas entstehen dadurch auch 2,4 t CO2 – dies ist laut der internationalen Energieagentur (IEA) die doppelte Menge im Vergleich zur energieintensiven Stahlproduktion. [5] Fällt diese Erdgasquelle aus der Golfregion weg oder verteuert sich der Bezug erheblich, steigen die Produktionskosten für Dünger weltweit. [1]

Bereits jetzt haben Düngemittelunternehmen in Indien Produktionskürzungen angekündigt, da die Gasversorgung aus dem Golf gestört ist. Indien, Pakistan, Bangladesch und die Türkei gehören zu den Ländern, die besonders stark auf importiertes Gas aus der Region angewiesen sind.

Das Resultat: Industrieller Dünger wird teurer und auch weniger verfügbar. Dies geht zwingend mit höheren Lebensmittelkosten und regional geringere Ernteerträge in mindestens der nächsten Saison einher. In Ländern, in denen ohnehin Nahrungsmittelknappheit herrscht und Menschen einen erheblichen Teil ihres Einkommens für Lebensmittel aufwenden, ist dieser Rückgang möglicherweise mit dem Verlust von Menschenleben gleichzusetzen. Jede Form von Preissteigerung der Grundnahrungsmittel wirkt sich in den marginalisierten Bevölkerungsgruppen negativ auf die Nahrungsmittelsicherheit aus. [3] Darüber hinaus werden in Situationen hoher Preise für fossile Energien vermehrt Pflanzen zur Gewinnung von Bio-Treibstoff angebaut, die teils in direkter Konkurrenz zum Anbau von Lebensmitteln steht.

Humanitäre Hilfe in der Krise: Lieferketten am Limit

Für humanitäre Organisationen ist die aktuelle Situation eine der komplexesten seit Jahren. Das Welternährungsprogramm (WFP) der Vereinten Nationen mobilisiert derzeit einen seiner aufwändigsten Notfalleinsätze – nicht nur für direkt betroffene Bevölkerungen in der Konfliktregion, sondern auch für die gesamte humanitäre Gemeinschaft, auf deren logistischen Strukturen viele weitere Organisationen wie Help – Hilfe zur Selbsthilfe angewiesen sind. [4]

Lebensmittellieferungen werden aktuell nicht nur in ihrer Beschaffung teurer. Darüber hinaus bedeuten die Störungen der Lieferketten und erhöhte Treibstoffpreise auch höhere Transportkosten für Hilfsgüter via Schiff oder LKW. Jeder Dollar, der zusätzlich für Logistik ausgegeben werden muss, fehlt für die Beschaffung von Nahrungsmitteln selbst. Dies trifft die vulnerabelsten Bevölkerungsgruppen in fragilen Staaten am härtesten – Menschen, die bereits vor der Eskalation von Hunger bedroht waren.

Die globale Dimension des Konflikts

In der globalisierten Welt kennen Lebensmittelsysteme keine Staatsgrenzen. Die Auswirkungen des Nahost-Konflikts auf die Nahrungsmittelsicherheit gehen weit über die unmittelbare Kriegsregion hinaus. Besonders gefährdet sind:

Menschen in Subsahara-Afrika und Südasien: Viele Länder in diesen Regionen sind stark auf Düngemittelimporte aus dem Persischen Golf angewiesen. In Ländern in Subsahara-Afrika, wo Kleinbauern ohnehin mit schlechter Infrastruktur, instabilen Regierungen und dem Klimawandel zu kämpfen haben, sind diese häufig nicht in der Lage deutlich höhere Preise für Düngemittel zu zahlen. Sinkende Ernteerträge und steigende Lebensmittelpreise verschärfen Nahrungsmittelunsicherheit in erheblichem Ausmaß teils für weite Teile der Bevölkerung. [1]

Die Karibik: Die Region ist durch das gleichzeitige Auftreten von El-Niño-Wetterphänomenen und den Schocks aus dem Nahost-Konflikt doppelt belastet. Steigende Import- und Energiekosten treffen Bevölkerungen, die ohnehin wenig wirtschaftlichen Spielraum haben. [6]

Fragile Staaten weltweit: In Ländern, die bereits von Konflikten, wirtschaftlicher Instabilität oder Klimakatastrophen betroffen sind, verstärkt der Nahost-Konflikt bestehende Verwundbarkeiten vor allem für vulnerable Bevölkerungsteile erheblich. Der wirtschaftliche Einfluss von Kriegen im Nahen Osten auf fragile Kontexte ist historisch belegt und folgt einem klaren Muster: Energiepreisschocks übertragen sich über globale Märkte in die Lebensmittelversorgung und Wirtschaft dieser Länder. [7] Diese Spirale – wie auch lange Dürreperioden – führt häufig zu einer weiteren politischen Destabilisierung. [8]

Ein anderer Schock als 2022, aber nicht weniger gefährlich

Es ist wichtig zu verstehen: Der aktuelle Schock unterscheidet sich von der Lebensmittelpreiskrise nach der Eskalation des Krieges gegen die Ukraine im Jahr 2022. Damals stiegen Getreide-, Energie- und Düngemittelpreise gleichzeitig. Heute sind es primär Energie und Düngemittel, die unter Druck stehen – die globalen Getreidereserven sind vergleichsweise gut gefüllt, und ein unmittelbarer globaler Lebensmittelpreissprung wie 2022 ist nicht das wahrscheinlichste Szenario. [2]

Doch dies darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass die mittelfristigen Risiken gravierend sind. Sollte die Blockade der Straße von Hormus andauern und die Düngemittelproduktion über mehrere Monate gestört bleiben, könnten die Düngemittelpreise die Rekordwerte von 2022 sogar übertreffen. [2]

Darüber hinaus sind die aktuellen Auswirkungen deutlich globaler zu verstehen. Die nächste Erntesaison könnte dann deutlich schlechtere Ergebnisse liefern – mit direkten Folgen für die Ernährungslage von Hunderten Millionen Menschen. Das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen warnt, dass 2026 als direkte Folge des Nahost-Konflikts 45 Millionen Menschen in akute Ernährungsunsicherheit geraten könnten. [9]

Was jetzt getan werden muss

Die Krise macht deutlich, wie eng geopolitische Konflikte, globale Lieferketten und Hunger miteinander verwoben sind. Humanitäre Organisationen wie Help fordern daher konkrete Maßnahmen auf mehreren Ebenen:

Sofortmaßnahmen: Humanitäre Hilfskorridore müssen gesichert und humanitäre Güter von Blockaden ausgenommen werden. Das WFP und andere Organisationen arbeiten daran, alternative Routen für Nahrungsmittellieferungen zu erschließen, um sicherzustellen, dass Hilfe die Bedürftigen erreicht. [4]

Stärkung der Resilienz: Länder mit hoher Abhängigkeit von Düngemittelimporten aus dem Persischen Golf müssen unterstützt werden, mittelfristig alternative Versorgungsquellen, z.B. durch lokale Produktion organischer Düngemittel oder Gründüngung zu erschließen, eine effizientere Düngemittelnutzung im Anbau zu entwickeln, um zukünftig zumindest in Teilen unabhängig von synthetischen Düngemittel zu werden. Die Nahrungsmittelsystemforschung zeigt deutlich, dass die Düngemittelversorgungsketten einer strukturellen Stärkung und alternativer Lösungsansätze bedürfen, um gegen künftige Schocks gewappnet zu sein. [1]

Politischer Wille: Internationale Akteure – Regierungen, multilaterale Institutionen und die Zivilgesellschaft – müssen die humanitären Konsequenzen des Konflikts in ihre diplomatischen Bemühungen einbeziehen. Wirtschaftliche Schocks durch Krieg treffen weltweit die Vulnerabelsten am härtesten. [10]

Fazit: Die Ernährungssicherheit ist zunehmend gefährdet

Der Nahost-Konflikt und die Einschränkung der Schifffahrt durch die Straße von Hormus sind keine fernen geopolitischen Ereignisse. Sie sind eine unmittelbare Bedrohung für die Ernährungssicherheit von Millionen Menschen, die nichts mit diesem Krieg zu tun haben. Steigende Düngemittelpreise, gestörte Lieferketten und verteuerte humanitäre Hilfseinsätze bilden zusammen eine risikoreiche Konstellation.

Jetzt ist der Moment für Solidarität und konkretes Handeln – durch politischen Druck auf eine Deeskalation, durch die Stärkung humanitärer Hilfskapazitäten und durch finanzielle Unterstützung für Organisationen, die vor Ort Leben retten.

Dominika Schneider
Dominika Schneider

arbeitet seit 2020 als Referentin Umwelt, Landwirtschaft und ökologische Nachhaltigkeit bei der Hilfsorganisation Help – Hilfe zur Selbsthilfe.

Zuletzt geändert am 01.06.2026