„Krisen machen an Grenzen nicht halt“
Ein Jahr Help-Präsidentschaft von Svenja Schulze
Seit einem Jahr ist Svenja Schulze Präsidentin der Hilfsorganisation Help – Hilfe zur Selbsthilfe. Im Interview blickt sie zurück auf das erste Jahr ihrer Präsidentschaft und berichtet von den aktuellen Herausforderungen in der humanitären Hilfe und Entwicklungszusammenarbeit.
Sie sind seit einem Jahr Präsidentin von Help. Was hat Sie in diesem ersten Jahr am meisten überrascht?
Aus meiner Zeit als Entwicklungsministerin wusste ich, dass Help exzellente Arbeit macht. Jetzt erlebe ich in der Praxis, warum Help so einen hervorragenden Ruf hat: Die große internationale Erfahrung und fachliche Expertise, die die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter weltweit täglich einbringen, sind wirklich beeindruckend.
Sie kennen die humanitäre Hilfe und Entwicklungszusammenarbeit vor allem aus der politischen Perspektive. Was erleben Sie bei Help anders?
Was ich bei Help als Kern der Arbeit erlebe, ist die konsequente Zusammenarbeit mit lokalen Hilfsorganisationen in den Projektländern. Das heißt: die Partnerorganisationen können in der Konzeption und praktischen Umsetzung der Hilfsmaßnahmen eine leitende Rolle übernehmen. Das setzt neue Maßstäbe.
Was Help außerdem bei der Projektarbeit besonders macht, ist der Ansatz, Menschen dazu zu befähigen, ihre Lebenssituation aus eigener Kraft zu verbessern. Ein Beispiel: Kleinbäuerinnen, die durch Equipment, Saatgut und Schulungen in die Lage versetzt werden, selbstständig ein Einkommen zu erwirtschaften. Das wirkt dann nachhaltig.
„Hilfe zur Selbsthilfe“ ist ein zentraler Grundsatz von Help. Was bedeutet dieser Ansatz für Sie persönlich?
Der Ansatz der „Hilfe zur Selbsthilfe“ hat mich schon vor meiner Wahl zur Präsidentin von Help sehr gecatcht. Ich erlebe bei Menschen, die selbst nicht in der Entwicklungszusammenarbeit tätig sind, leider häufig eine gewisse Überheblichkeit – und eine falsche Vorstellung von der Realität. Also eine Haltung von: Wir wissen alles besser, und mit dem Wissen gehen wir jetzt in ein afrikanisches Land und helfen dort. So funktioniert nachhaltige Entwicklungszusammenarbeit nicht.
Help lebt eine wirkliche partnerschaftliche Zusammenarbeit und begegnet den lokalen Organisationen, mit denen wir kooperieren, auf Augenhöhe. Und das macht die Arbeit auch so erfolgreich.
Sie waren mit Help in Bosnien und Montenegro. Welche Begegnung oder welcher Moment ist Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben?
Was mich auf der Reise ganz besonders beeindruckt hat, war ein Projekt, das schon seit vielen Jahren läuft. Das war eine Frauenkooperative, die unter wirklich schwierigen Bedingungen ihre Arbeit aufrechterhält, Produkte herstellt – Seifen, Cremes, Öle – und inzwischen sogar eine kleine Pension aufgebaut hat. Es ist tief beeindruckt zu sehen, mit welchem Mut und welcher Tatkraft diese Frauen nach Rückschlägen neu durchstarten.
Unsere Unterstützung vor Ort wirkt dabei wie ein Katalysator: Unsere gezielten Investitionen und Hilfsmittel geben ihnen das Werkzeug an die Hand, um selbstbestimmt nachhaltige Veränderungen zu bewirken.
Help arbeitet in vielen Krisenregionen der Welt. Was macht Ihnen angesichts der aktuellen Weltlage Hoffnung?
Hoffnung machen mir vor allem die vielen engagierten Menschen weltweit. Auch wenn die Stimmen derjenigen laut sind, die Abgrenzung und Hass predigen: Sie sind nicht die Mehrheit. Die Mehrheit der Menschen glaubt an Kooperation und daran, dass es besser ist, Brücken zu bauen als Mauern. Das sehen wir jeden Tag in unseren Projekten. Ich glaube fest daran, dass gelebte Solidarität stärker ist als Hass und Nationalismus.
Wenn wir in einem Jahr wieder miteinander sprechen: Was möchten Sie bis dahin als Präsidentin von Help erreicht haben?
Die humanitäre Hilfe und Entwicklungszusammenarbeit steht durch die starken Mittelkürzungen der letzten Jahre enorm unter Druck.
Als Präsidentin von Help möchte ich mich dafür einsetzen, hier eine klare Linie zu ziehen. Die Mittelkürzungen müssen aufhören – nur so können wir als humanitärer Akteur wieder nach vorne gucken und unsere Hilfe langfristig und verlässlich planen.
Warum ist es gerade jetzt wichtig, nicht nachzulassen?
Weil das menschliche Leid keine Pause macht und der Bedarf an humanitärer Hilfe immer da ist. Wir sehen es aktuell an den verheerenden Sturzfluten in Nepal, dem erneuten Kampf gegen Ebola im Kongo oder den humanitären Folgen des Erdbebens in Venezuela.
Krisen warten nicht, bis die Weltpolitik zur Ruhe kommt. Menschen zu helfen, damit sie sich wieder selbst helfen können, ist ein Akt der Solidarität und der Mitmenschlichkeit. Ich bin fest davon überzeugt, dass die allermeisten Menschen es falsch finden, ihre Nachbarn verhungern zu lassen. Krisen machen an Grenzen nicht halt. Politische Kräfte, die glauben, sich in einer globalisierten Welt isolieren und von Krisen abschirmen zu können, irren sich. Das Budget für Nothilfe zu kürzen, ist aus meiner Sicht realpolitisch nicht klug. Hier brauchen wir endlich ein Umdenken.