Dadaab: Das größte Flüchtlingscamp der Welt

Bei der humanitären Krise in Ostafrika ist die Situation in Somalia und Kenia besonders schlimm. Dürre und Hungersnot vergrößerten die Flüchtlingsbewegungen aus dem politisch ohnehin instabilen Somalia nach Kenia. Viele Somalier fliehen in die im Osten Kenias liegenden Flüchtlingscamps. Im Camp Dadaab in Kenia, dem weltweit größten Flüchtlingslager mit über 380.000 Einwohnern, kommen ständig weitere Flüchtlinge an, auf der Suche nach Wasser und Nahrung.

Bericht aus Dadaab, Kenia von Nothelfer Christoph Laufens

Somalische Frau in Dadaab, Kenia.
Vor allem Frauen und Kinder fliehen nach Dadaab.

Dadaab selbst ist eine kleine Stadt in Kenia, ca. 75 km von der somalischen Grenze entfernt, in der das UNHCR (Flüchtlingshilfs- werk der Vereinten Nationen) ihr Haupt- quartier aufgeschlagen hat, um die Flüchtlingscamps der Umgebung zu organisieren.

Das UNHCR ist sehr auf Sicherheit in und um die Camps bedacht und besteht daher auf Sicherheitsüberprüfungen, bevor man die Camps betreten kann. Jede Hilfsorganisation, die im Camp tätig werden will, muss eine Vereinbarung mit dem UNHCR abschließen.

Ein Flüchtlingslager so groß wie Wuppertal

Die Lage in den Camps ist wie erwartet schlecht. Die Flüchtlingscamps entstanden in den 1990er Jahren und über die Jahre haben sich innerhalb der Camps verschiedene Formen von Infrastruktur gebildet: Es gibt kleinere Lebensmittelshops, Handwerker und Werkstätten. Daneben entstanden Schulen, einige durch Geber finanziert, andere, insbesondere religiöse, aus Eigeninitiative. Wenn auch manche Kinder eine Schulbildung erhalten, so sind die Perspektiven doch eher gering, da sie als Flüchtlinge keine Arbeit außerhalb der Camps annehmen dürfen.

Unterernährtes Kind in Dadaab
Der Grad der Unterernährung wird am Oberarm gemessen.

Es gibt drei Flüchtlinglager: Hagadera, Ifo and Dagahaley. Ein viertes ensteht derzeit. Ich habe mit Somaliern gesprochen, die teilweise seit 12 Jahren im Camp leben, andere erst seit ein paar Wochen. Die erst kürzlich eingetroffenen Somalier haben mir ausnahmslos gesagt, dass sie wegen der Dürre in Somalia geflohen sind. Die schon länger hier wohnenden Somalier auch wegen der politischen Unruhen. In Somalia arbeiteten sie hauptsächlich im landwirtschaftlichen Sektor.

Die wenigen Ressourcen, die sie hatten, sind auf der oftmals beschwerlichen Reise von Somalia nach Kenia völlig aufgebraucht worden. Berichte von 15-tägigen Märschen durch die Dürregebiete sind üblich. Jeden Tag kommen neue Flüchtlinge hinzu, die erst mal notdürftig aus Ästen und füllendem Material wie Decken oder Plastikplanen eine Behausung errichten, in der viele dann für Jahre verbleiben.

Ungenügende sanitäre Bedingungen in den Camps

Die sanitären Bedingungen im Camp sind schlecht bis katastrophal. Eine fünfköpfige Familie erhält ca. 20 Liter Wasser, eine zehnköpfige Familie etwa 40 Liter. Dieses Wasser muss fürs Kochen, Trinken, Waschen usw. reichen. Die meisten Flüchtlinge sehen sich daher nicht in der Lage, sich zu waschen geschweige denn zu duschen. Es gibt nicht genügend Latrinen, so dass die Camp-Einwohner  ihre Notdurft auf offenen Plätzen verrichten. Die mangelnde Hygiene führt zu einer Vielzahl von Infektionen und die ohnehin schon überlasteten Krankenstationen im Camp sind dem Bedarf nicht gewachsen.

Kinder leiden am meisten

Neben den Problemen im Sanitärbereich fehlt es an Lebensmitteln, die Versorgung ist nicht ausreichend. Darunter haben besonders die Kinder zu leiden. Eine Grosszahl der Kinder leidet an Mangel- oder Unterernährung, viele sterben in den ersten Wochen nach ihrer Ankunft. Vor allem Kinder, die in ihren ersten Lebensjahren nicht die benötigten Nährstoffe erhalten, werden für den Rest ihres Lebens in ihrer Entwicklung gehemmt sein. Viele Kinder sehen trotz ihrer 3 bis 4 Jahre jünger und kleiner als meine 20 Monate alte Tochter aus.

Gespräch mit einer verzweifelten Mutter

Eine somalische Frau mit ihrem Kind in Daadab, Kenia.
Vielen Müttern fehlt die Milch, um ihre Kinder zu stillen.

Ich sprach mit mehreren Familien. Zwei davon haben in den letzten Wochen drei ihrer Söhne und Töchter verloren. Eine Mutter, mit der ich sprach, sieht sich nicht in der Lage, ihr Kind ausreichend zu versorgen, sie selbst ist mangelernährt und produziert keine Milch, die sie ihrem Kind geben könnte. Mehrfach versuchte die Mutter während des Gesprächs, ihren Sohn anzulegen, doch da sie keine Milch hatte, blieb der Junge hungrig und schrie. Dass die Mutter verzweifelt ist, zeigte sich schon daran, dass sie als gläubige Muslimin kein Problem damit hatte, sich in meiner Gegenwart zu entblößen und ihrem Kind die Brust zu geben. Die Mutter ist darüber hinaus krank und leidet an einer Art Keuchhusten.

Während des Gespräches half mir Omar, ein junger Mann aus Somalia, als Dolmetscher. Omar kam 1998 im Alter von 11 Jahren ins Camp und lebt seitdem dort. Er arbeitet als Community Health Worker für die GIZ und kümmert sich um mangelernährte Kinder.  Die Frau ist mit ihren Kindern erst vor kurzem im Camp angekommen und ist noch nicht in der UNHCR-Datenbank registriert. Sie hat daher noch keinen Anspruch auf Aufnahme in eines der Projekte, aber Omar will sich der Sache annehmen und wird ihr helfen.

Christoph Laufens, 34 Jahre, arbeitet seit 2005 für Help. Er ist ursprünglich Jurist und hat einen Master of Peace and Security Studies (MPS). Für Help arbeitete er in Simbabwe, Indonesien und Myanmar.