5 Jahre nach dem Tsunami:
Wiederaufbau und Friedenssicherung gehen Hand in Hand

Friedhelm Simon. Projektkoordinator in Indonesien über die Auswirkungen des Tsunamis, über Hausbau und Konfliktbewältigung

Ein Seebeben der Stärke 9,0 löste am 26. Dezember 2004 rund um den Indischen Ozean eine der verheerendsten Naturkatastrophen seit Jahrzehnten aus. Wie viele Menschen dabei ums Leben kamen, wird wohl niemals genau zu ermitteln sein. Alleine in Indonesien, das am schlimmsten unter den Folgen der schlimmen Flutwelle zu leiden hatte, sollen 165.000 Menschen gestorben sein, Millionen wurden obdachlos.

Seitdem wurde durch Help und seine Bündnispartner in der Aktion Deutschland Hilft viel erreicht: Help engagierte sich vor allem im Wiederaufbau  von über tausend Häusern in Sri Lanka und Indonesien, baute Brunnen und Wasserleitungen, errichtete Schulen und Ausbildungszentren, förderte landwirtschaftliche Projekte und ist auch heute noch in Indonesien mit langfristigen Projekten in den Bereichen Einkommen schaffende Maßnahmen und Bildung aktiv.

Beispielhaft für viele steht eines unserer Projekte auf der indonesischen Insel Sumatra mit dem Namen  „Hope Village“, also „Dorf der Hoffnung“. Hoffnung soll es vermitteln und Frieden sichern, jenes Dorf, das dort vor den Toren der Kleinstadt Blangpidie entsteht. 50 Häuser und eine Schule lässt Help dort bauen, um sie danach an Familien zu übergeben, die eine besonders gewalttätige Vergangenheit hinter sich haben. Einerseits handelt es sich um die Familien von 25 ehemaligen Kämpfern der Autonomiebewegung GAM, andererseits um 25 Familien, die Opfer des erbittert ausgetragenen Konflikts geworden sind. Künftig erhalten alle die Gelegenheit, die harte Zeit gemeinsam und Tür an Tür aufzuarbeiten. Das Projekt ist als „friedenssichernde Maßnahme“ angelegt.

Friedhelm Simon (57) leitet seit Februar 2006 das Büro in Blang Pidie. Ihn besuchte Moritz Wohlrab von Aktion Deutschland Hilft:

Friedhelm Simon und die Architektin Ulfa beraten sich mit einem Bauarbeiter.

Herr Simon, wie wurden die Begünstigten in Ihrem Projekt ausgewählt?

Wir hatten eine lange Bewerberliste und haben jeden einzelnen Bewerber besucht. Fast alle lebten zu diesem Zeitpunkt in Bretterverschlägen. Unsere Kriterien waren klar: Wir vergeben die Häuser nicht an Alleinstehende, es müssen Familien mit Kindern sein. Die Menschen haben praktisch keinen Besitz, oft ziehen sie nur mit einigen Matratzen und Kochtöpfen ein. Ihr weniges Geld verdienen sie als Fischer, Bauer oder mit dem Verkauf von Flusskrabben.

Was mussten die Menschen während des Konflikts durchmachen?

Immer dann, wenn die Menschen sich weigerten, die geforderten Schutzgelder zu bezahlen, wurde massiv Druck ausgeübt. Vielen wurde das Haus angezündet. Oder es wurden Familienangehörige wie zum Beispiel die Eltern entführt. Die Menschen waren verzweifelt.

Wir besichtigen mit Friedhelm Simon die Baustelle. Rund 50 Männer aus dem Nachbardorf hat Help angestellt, um eine Schule und insgesamt 50 Häuser zu bauen. Jedes Haus hat eine Wohnfläche von 36 Quadratmetern und besteht aus einem Eingangsbereich, zwei Zimmern, einer Kochnische und einer Toilette. Die installierten Brunnen werden mit Solarpumpen betrieben .Unterstützt wird Simon von der 30-jährigen Architektin Ulfa. Sie dient ihm auch als Übersetzerin.

Die 50 Häuser wurden wie im Vorgängerprojekt mit solarbetriebenen Wasserpumpen ausgerüstet.

Seit wann arbeiten Sie für Help?

Seit 1997. Ich sollte für einige Monate nach Sarajevo gehen, um dort beim Wiederaufbau mit anzupacken. Daraus wurden dann fünf Jahre. Danach folgten Kurzeinsätze in Liberia und Sierra Leone. Ende 2003 ging ich dann infolge des Erdbebens in Bam für zwei Jahre in den Iran. Direkt nach dem Tsunami war dann Indonesien an der Reihe, unterbrochen durch kürzere Aufenthalte in Belgrad und Indien.

Simon erkundigt sich auf der Baustelle nach dem Bedarf an Werkzeug und Baumaterialien. Gemeinsam mit Ulfa setzt er sich in seinen Mitsubishi-Pick-up und fährt ins Zentrum der Kleinstadt. Im ersten Laden kaufen sie Beschläge, Schrauben, Farbe und Pinsel, im zweiten kommen Kunststoffrohre, Schmirgelpapier und Bereifungen für die Schubkarren hinzu.

Bekommen Sie alles Nötige auf dem lokalen Markt?

Ja, wenngleich es sich natürlich meist nicht um die gleiche Qualität wie in deutschen Baumärkten handelt. Oft entdeckt man zwar den Schriftzug „Technology Germany“ oder sogar einen TÜV-Siegel auf den Waren, aber das ist natürlich Quatsch. Die Sachen kommen aus China, genauso wie auch die Händler. In den 90er Jahren gab es mal Ausschreitungen in Indonesien, die sich gegen die vielen chinesischen Geschäftsleute richteten.

Dank der Arbeit on Help ist die Hoffnung zurück in Blang Pidie.

Auf dem Weg zurück zur Baustelle hält Simon bei einer Werkstatt. Hier werden derzeit die defekten Motoren der Betonmischmaschinen repariert. „Nichts Großes“, sagt Simon. „Es müssen nur einige Dichtungen ausgewechselt werden.“ Unterdessen werden im „Hope Village“ an den ersten fertigen Häusern die Hausnummern angebracht, während Simon mit einem geländegängigen Gabelstapler Kies zu den Rohbauten transportiert. Der 57-Jährige arbeitet an allen sieben Tagen in der Woche – nur an den Freitagnachmittagen nimmt er sich regelmäßig eine Auszeit.

Inwieweit war Blang Pidie vom Tsunami betroffen?

Weite Teile der Stadt liegen hinter hohen Riffs und waren dadurch sicher vor der Welle. Nicht so das Hafenviertel Bali Bay. Hier wurden dutzende Häuser von den Wassermassen zerstört. Viele Menschen waren auf einen Schlag obdachlos und verloren ihr gesamtes Hab und Gut. Nach dem Tsunami lebten die Menschen anderthalb Jahre lang in provisorischen Zelten. 

Diesen Menschen galt ihre erste Unterstützung?

Ja. Wir bauten an anderer Stelle 100 Holzhäuser, die auf stabilen und erdbebensicheren Stelzen stehen. Zuvor war dort Brachland. Auch einen Spielplatz haben wir errichtet, so dass sich die Gegend mittlerweile sogar zu einem beliebten Ausflugsziel entwickelt hat. Auch eine Handvoll Restaurants haben sich inzwischen dort angesiedelt. Dass es dort einmal so lebendig wird, hätte ich nie gedacht.