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28. Januar 2010

Unser Weg führt uns heute nach Miragoâne. Malerisch, die Fahrt durch Bananenplantagen und Mangrovenhainen. Zwischendurch sehe ich vollkommen zerstörte Häuser – sie muten an wie alte Ruinen vergessener Kulturen, die vom Urwald überwuchert werden. Nichts lässt auf der friedlichen Strecke erahnen, dass sich gerade  erst vor zwei Wochen dieses verheerende Erdbeben ereignet hat.

Auf dem Weg nach Petit Goave stockt die Fahrt – Stau. Der Fahrer kann das nicht einfach so hin nehmen, er überholt rechts mit zwei Rädern im Graben entlang. Und dann geht gar nichts mehr. Wir warten. Eine halbe Stunde später – die Auflösung: Ein Hang ist abgerutscht und hat einen LKW unter sich begraben. Die Nachbeben haben den aufgelockerten Gesteinsschichten den letzten Schlag versetzt. Wir fragen uns, ob wir auf dem Rückweg durch kommen – es ist die einzige Straße zurück nach Port au Prince.

Wir fahren weiter, passieren die Ortsgrenze von Petit Goave und schlagartig ist da nichts mehr – keine Trümmer, keine Überlandleitungen, die auf den Boden hängen, keine tiefen Risse in der Straße – keine Zerstörung – nur die ganz normale Armut. Menschen, die in behelfsmäßigen Verschlägen hausen und am dreckigen Straßenrand ihre wenigen Waren feil bieten.

Eine weitere Stunde später sind wir in Miragoâne. Unsere Fahrt hat ein jähes Ende, die Straße ist komplett überflutet. Miragoâne ist an einem See gelegen, dessen Spiegel durch die Flut des vergangen Jahres extrem angestiegen ist. Einige Familien haben dadurch bereits ihre Häuser verloren. Nicht schlimm genug, jetzt kommen die Verwandten und Freunde aus Port au Prince, um dem Grauen dort zu entfliehen. Das letzte Hab und Gut wird geteilt.

Auf dem Weg zurück machen wir in jedem Dorf halt, um uns nach Flüchtlingen, dem Bestand an Medikamenten und dem Gesundheitszustand der Menschen zu erkundigen.

Zurück in Leogane: Wir haben noch etwas Zeit. Orek Bel, unser Fahrer, fragt mich, ob er mal kurz am Haus seiner guten Freundin, Jessica vorbei fahren dürfe – er hätte sie seit dem Erdbeben nicht erreicht. Selbstverständlich stimme ich zu. Wir fahren durch ein „Neubaugebiet“. In Deutschland würden wir es Bauruinen nennen, hier in Haiti ist es selbstverständlich, dass ein Eigenheim nur stückweise erstellt werden kann. Die Männer arbeiten in Martinique oder St. Lupe und schicken regelmäßig Geld nach Hause, um den Familien ein besseres Leben zu ermöglichen. Es ist traurig zu sehen, wie Träume in Trümmern liegen, aber wenigstens haben hier keine Menschen gelebt. Dann biegen wir in die Straße, wo Oreks Freundin. Jessica, wohnt ein. Abrupt bleibt das Auto stehen. Ich sehe Oreks zu Stein gewordenes Gesicht, schaue nach rechts und sehe durch eine Toreinfahrt ein zweistöckiges Haus, das dem Erdboden gleich gemacht ist. Ich weiß nicht, was ich sagen – gar denken soll. Orek steigt aus, geht zum Haus und ist verschwunden. Ich wage mich ans Tor, da kommt er auf mich zu – sein Blick – ein Meer von Trauer. Drei Kinder der Familie sind dem Unglück zum Opfer gefallen. Jessica lebt, ist aber gerade nicht da – er hinterlässt seine Telefonnummer.