Flashback: Immer wenn man denkt „Dir können keine weiteren Geschichten von Einzelschicksalen mehr was anhaben.“, wird man eines Besseren belehrt. So auch heute:
Ich fahre mit unserem zweiten Fahrer Edson raus zu einem Waisenhaus, um die Lage der Waisenkinder nach dem Erdbeben zu erkunden. Wie immer ist er sauber gekleidet. Er besitzt sogar zwei Mobiltelefone. Er spricht fließend Englisch. „Ein Mann, der seinen Weg gehen wird.“, denke ich noch so. Aber dann: Eine vermeintlich belanglose Unterhaltung endet für mich in der persönlichen Kapitulation.
Ich beginne eine sehr unverfängliche Konversation. Ich hatte in den letzten Tagen keine Zeit, mich eingehender mit ihm zu unterhalten. Auf die Frage wie alt er sei, höre ich 27 Jahre.
Meine nächste Frage kommt wie aus der Pistole geschossen: „Und hast Du schon eine Familie?“ „Nein“, antwortet Edson. „Ich lebe mit meiner Mutter zusammen. Ich hatte eine Freundin, wir wollten heiraten – aber sie ist tot – das Erdbeben, du weißt schon.“
Stille tritt ein. Ich entschuldige mich ob der Frage und füge hinzu, dass ich ihm nicht zu nahe treten wollte. „Nein, ist schon o.k.“, kommt als Antwort. Und weiter: „Es tut mir gut, darüber zu reden.“
Und dann sprudelt der los: Er erzählt von seiner Familie, die zur Hälfte ausgelöscht ist. Seine Cousinen, seine Tante, sein Onkel – alle seien beim Erdbeben ums Leben gekommen. Und auch sein Halbbruder und sein Vater. Ich stocke, kann das Leid, was Edson hinter seiner perfekten Fassade verbirgt, nicht fassen.
Alle Verwandten und auch seine Freundin sind in ihren Arbeitsplätzen umgekommen. Das gibt mir Mut, eine aufmunternde Frage zu stellen: „Aber Euer Haus steht noch, oder?“ „Nein, es ist komplett zerstört. Wir leben draußen, auf dem Hof.“ kommt spontan zurück von Edson. „Weißt du, ich bin der einzige, der zurzeit Geld verdient. Ich suche schon seit Tagen nach einem Zelt – aber es gibt keine zu kaufen.“
Der letzte Kilometer bis zu unserem Ziel kommt mir wie eine Ewigkeit vor.
Help wird helfen. Alles ist schon in die Wege geleitet.
Aber ich frage mich, wie viele dieser Einzelschicksale noch da draußen sind? Wie viele, wie Edson, einfach gar nicht über ihre Not reden?