Auch am vierten Tag nach dem verheerenden Erdbeben in Haiti ist das wahre Ausmaß der Zerstörung noch unklar. Die Menschen leben auf der Straße oder in einem der zahlreichen provisorischen Zeltlager, die auf jeder freien Fläche in der Stadt entstehen. Nachts müssen die Autofahrer aufpassen, die am Straßenrand in Reihen schlafenden Betroffenen nicht anzufahren.
Noch immer werden Tote geborgen. Am Rande der Stadt ist ein Sammelgrab entstanden, dessen Ausmaß unvorstellbar ist. Örtliche Behörden geben die Zahl der bereits geborgenen Toten mit 100.000 an. Kein Mensch kann sich vorstellen, wie viele Opfer noch unter den meterhohen Trümmern liegen. Es werden Reifen abgebrannt um mit dem schwelenden Kautschukgeruch, den Leichengestank zu überlagern. Mit Holzkarren, von Männern gezogen, werden in eine Richtung die Leichen abtransportiert und auf dem Rückweg die Lebensmittel befördert.
Die Menschen sind verzweifelt, jedes Nachbeben löst Geschrei in der Nachbarschaft aus. Die Menschen sind traumatisiert. Man hat den Eindruck die ganze Stadt sei unterwegs. Menschenmassen bewegen sich an den Straßen entlang hin und her. Sie fragen uns um Hilfe, weil ihre Angehörigen verletzt sind oder versuchen ihre Habe zu retten und in ihre behelfsmäßigen Unterkünfte zu bringen.
Ein sonderbares Bild bietet sich uns. Neben den unzähligen eingestürzten Häusern stehen teilweise funktionierende Ampeln. Was uns wundert, weil es doch keinen Strom gibt. Ein Einheimischer klärt uns auf, die Ampeln funktionieren hier über Solar.
Die Menschen versuchen trotz ihrer Not zur „Normalität“ zurück zu kehren: Auf den Trümmern haben wir einen Stand mit Kleidungsstücken zum Verkauf gesehen. Am Rande der Straße schneidet ein Friseur die Haare seines Klienten. Andere verkaufen Lebensmittel, die sie unter den Trümmern gefunden haben.
Das Telefonnetz konnte noch nicht hergestellt werden, nur selten kommt man durch. Es fehlt an sauberem Trinkwasser, Medikamenten, Lebensmitteln, befehlsmäßigen Unterkünften.
Überall hört man Sirenen von Krankenwagen oder Konvois. Die sich um Verletzte kümmern oder Hilfe bringen. Die Krankhäuser sind komplett zerstört. Die, die arbeiten, sind vollkommen überlastet, die Verletzten werden im Freien untergebracht, man geht nur um die Ecke und da werden die Leichen gestapelt, bzw. liegen aufgedunsen auf dem Boden.
Heute waren wir in Cité Soleil, das soll der gefährlichste Stadtteil sein von Port au Prince sein – aber tatsächlich stellt sich heraus, dass es ein Slumviertel ist. Die Zerstörungen an den Häusern fallen gar nicht so großartig auf, da die Behausungen so klein sind und eng bebaut, dass man das Gefühl hat, hier kann gar nichts zusammenfallen. Die Menschen leiden Not, sie lebten auch vor dem Erdbeben von der Hand in den Mund – jetzt helfen sie ihren Angehörigen, Freunden und Nachbaren aus, die ihr Zuhause verloren haben. Die Rebellen von früher sind jetzt auch Opfer der Katastrophe.
Der Flughafen von Port au Prince ist zum internationalen Camp der Helfer aus aller Welt geworden. Stündlich landen Flugzeuge mit Hilfsgütern. Nichts desto trotz ist die Bedarfslage unübersichtlich. Die Vereinten Nationen, deren Hauptsitz komplett zerstört ist, koordinieren die Hilfsmaßnahmen von einer behelfsmäßigen Basis nahe dem Flughafen.
Die internationalen Helfer sind sich einig, es wird Jahre dauern, um einen Status Quo vor dem Erdbeben wieder her zu stellen – insbesondere wenn man die Armut in Haiti in Rechnung stellt.
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Stichwort: Erdbeben Haiti