Haiti – sechs Monate nach dem Erdbeben

Geschrieben von Thomas Rottland am 13. Juli 2010 | Abgelegt unter Nothilfe, Wiederaufbau

thomas Es ist mein erster Besuch in Haiti. Gleich zwei Wochen nach meinem Arbeitsbeginn bei Help habe ich die Reise angetreten. Ich habe vorher viel darüber gelesen und diskutiert. Und ich habe bereits bei zahlreichen Katastrophen und Krisenherden in der Welt Hilfsprojekte koordiniert. Aber nicht mal die Folgen des Tsunami 2004 haben mich auf die derzeitige Situation in Port-au-Prince vorbereitet. So etwas habe ich noch nicht erlebt. 6 Monate nach dem verheerenden Erdbeben sind noch über eine Million obdachlos, jede freie Fläche in Port-au-Prince ist mit Zelten gefüllt, kaum ein Schritt breit voneinander entfernt, manche noch stabil, manche schon von den vielen und starken Regengüssen zerstört, manchmal besteht das „Zelt“ auch nur aus ein paar Stöcken und einer Plastikplane.

leben-neben-schutt-und-mull An vielen Ecken modert eine unbeschreibliche Mischung aus Bauschutt und Unmengen von, vom Regen durchgeweichtem Müll. Sicher, die Versorgung mit Latrinen, Wasser und Nahrungsmitteln ist einigermaßen stabil gesichert. Aber das darf uns nicht reichen. Was nun dringend ansteht ist der Bau von temporären Häusern, d.h. stabilen Bauten, die nicht für die Ewigkeit halten sollen, sondern vielmehr schnell und verhältnismäßig preisgünstig aufzubauen sind, die aber dennoch in einem hohen Grad Hurricane- und Erdbeben-sicher sind. Dies ist der Ansatz den Help in Haiti verfolgt, und mein Aufenthalt in Haiti bestärkt mich, dass dies der richtige Weg ist. Und das sagen mir auch die betroffenen Haitianer, mit denen ich gesprochen habe.

zeltlager-in-port-au-prince Dennoch verspüre ich Scham, wenn ich durch Port-au-Prince und entlang des betroffenen Küstenstreifens nahe des Epizentrums fahre. Ich schäme mich, dass die Weltgemeinschaft es nicht schafft, hier in 6 Monaten mehr Hilfe anzubieten, als es der Fall ist. Es gibt sehr viele Gründe, die man als Erklärungen gelten lassen kann: Die desaströse Infrastruktur Haitis bereits vor dem Beben; die historisch fest verankerte starke Abneigung Haitis gegen Einmischung von außen; das Festhalten Haitis an bürokratischen Zwängen, die spätestens dann absurd und makaber werden, wenn Unterschriften verlangt werden von Beamten, die beim Erdbeben umgekommen sind; Hilfsgüter liegen monatelang im Zoll fest; das Problem der Landeigentumsfrage ist groß und zumeist ungelöst. All das stimmt – und dennoch finde ich es schwer zu akzeptieren. Es ist unser Auftrag zu helfen, dass Haiti wieder selbst „aufstehen“ kann und wir stehen in der Pflicht.

3 Kommentare zu “Haiti – sechs Monate nach dem Erdbeben”

  1. am 21. Juli 2010 um 13:34 1.Julian Benser schrieb …

    Lieber Tom,

    wahnsinn, was Du alles so machst. Weiter so.
    Alles Gute, viel Erfolg und Kraft bei Deiner Arbeit!

    Liebe Grüße Julian

  2. am 24. Oktober 2010 um 15:58 2.Martin schrieb …

    Finde ich echt bemerkenswert was du und auch viele Andere dort auf die Beine stellt und vor allen Dingen woher ihr die Kraft nimmt, so etwas durchzustehen. Ich weiß nicht, ob ich so etwas könnte, obwohl ich die Arbeit die dort geleistet wird, sehr bewundere.

  3. am 14. Januar 2012 um 07:38 3.Chuckles schrieb …

    What lberiating knowledge. Give me liberty or give me death.

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