Geschrieben von Prof. Dr. Volker Echtermeyer am 19. Januar 2011
Abgelegt unter Gesundheit, Nothilfe, Wiederaufbau
Ankunft am Flughafen: Amputierte stehen am Maschendrahtzaun, teilweise auf selbst gefertigte Krücken gestützt und bettelten.
Wir fahren durch Port-au-Prince, vorbei am Krankenhaus St. François des Sales, in dem wir vor einem Jahr operiert haben. Ein Gebäude, das unter sich 60 Kinder begraben hat, ist abgetragen, ebenso die Röntgen- und alte OP-Abteilung. Metallzäune nehmen die Sicht. Im Wesentlichen ein unverändertes Stadtbild.
Auf der Fahrt nach Petit-Goâve brennende Müllberge, Ruinen und immer wieder Zeltstädte. Neue sind hinzugekommen, speziell für die Choleraerkrankten errichtet.
Im Lagezentrum von Help in Petit-Goâve werden die Baumaßnahmen koordiniert. Ein international aufgestelltes Team erkundet den Bedarf, die lokalen Verhältnisse, unter welchen Prämissen gebaut werden kann, führt die konkreten Planungen durch und schließt sich mit dem Bauleiter kurz. Haitianer setzen die Konstruktionspläne in die Tat um, stellen die Elemente auf und komplettieren sie vor Ort. Es entstehen einfache, praktisch nutzbare und dabei noch schöne Holzhaus-Siedlungen (Shelterhäuser), die hurrikansicher sind. Manche Areale zeichnen sich durch die schmucken Holzhäuser aus, aber leider auch durch Müllansammlungen rings um sie herum. Man wünscht sich mehr Eigeninitiative, um den Wohnort lebenswerter zu gestalten. Und es gibt diese Stadtteile, in denen Haitianer ihr ganzes Umfeld vom Müll befreit, die Vorplätze vor ihren Häusern gefegt haben.
Im regionalen Krankenhaus läuft der Betrieb geordnet ab. Der Empfang durch den Klinikdirektor ist freundlich, schnell finden sich Gemeinsamkeiten. Dr. Lesly ist an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster unter Prof. Brug in Traumatologie ausgebildet worden, in einer Zeit, als der Autor in der medizinischen Universitätsklinik gearbeitet hat. Es bestehe nach wie vor Bedarf an chirurgischer Unterstützung, er bittet um Hilfe.
Haiti auf den ersten Blick: Es scheint sich nicht viel verändert zu haben. Auf den zweiten: Es sind Veränderungen zum Besseren im Gange. Straßen werden ausgebaut, Kanäle vom Müll befreit und neue Häuser entstehen. Jeder Mensch, mit dem ich ins Gespräch komme, fragt nach Arbeit. Die Menschen sind aufgeschlossen, immer freundlich und hilfsbereit, wenn doch bloß eine Aussicht auf Arbeit bestände! Und dann diese vielen Kinder, lachend, bunt, wenn auch schlicht gekleidet; sie müssen eine Zukunftsperspektive haben. Eine der Voraussetzungen: Bildung und Ausbildung!
Professor Dr. Volker Echtermeyer (66) ist pensionierter Chirurg und Ersthelfer in Haiti. Er flog mit seinem chirurgischen Team für Help im Januar 2010 direkt nach der Katastrophe nach Haiti und operierte zwei Wochen lang ehrenamtlich Verletzte des Erdbebens. Fotos von Tim Freccia, außer Bild 4/Help.
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