Geschrieben von Urban Britzius am 12. Februar 2011
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Per LKW, EINHUNDERTSECHZIGTAUSEND Liter Wasser täglich bis zu fünfzig Kilometer durch die Wüste? Herrschaftszeiten, irgendetwas konnte da doch nicht stimmen. Spätestens da begann ich über Wasser nachzudenken und stellte schnell fest, dass es sich dabei durchaus nicht um das selbstverständliche Nass handelt, das aus dem Hahn kommt, wenn wir aufdrehen. Ich denke, genau hier liegt der Hund begraben.
Die erste, wichtige Erkenntnis war, dass Wasser hier kein allgemein verfügbares Gut ist. Es ist nur sehr eingeschränkt vorhanden und wird entsprechend als Kostbarkeit behandelt. Trotz aller Reinlichkeit, kommen zum Beispiel die Flüchtlinge mit nur zwölf Liter pro Kopf und Tag aus. (Zum Vergleich: wir Mitteleuropäer benötigen über einhundert Liter.) Man denkt um. Wasser ist etwas Besonderes. Welche Schätze haben wir da täglich durch die Wüste gekarrt! Ich selbst habe mir einen ungeheuren Luxus geleistet: Mein Wasser wird täglich vom offenen Brunnen per Pferdekarren angeliefert, mit einer kleinen, solarbetriebenen Pumpe in ein altes Dieselfass auf dem Dach gepumpt und – Allah ou akh’bar – ich habe Wasser im Waschbecken und sogar eine richtige Dusche! Ich habe durchaus Verständnis, wenn dieses Gefühl für einen Außenstehenden schwer nachzuvollziehen sein sollte. In Iriba versteht man das.
So eng mit dem Wasser verbunden, habe ich in der Umgebung bisher mehr als fünfundzwanzig offene Brunnen gebaut oder in Stand gesetzt. Und bei der Inbetriebnahme des ersten, für die Flüchtlinge eines benachbarten und für seine Wasserknappheit bekannten Camps, gebauten Brunnens, hatte ich wohl mein wichtigstes Schlüsselerlebnis: Man stelle sich eine kilometerlange Karawane von, mit Kanistern beladenen Eseln vor, die zum Brunnen zog, wo die neue Wasserquelle mit Gesang und Tanz gefeiert wurde. Zuerst habe ich gar nicht verstanden, was sich da tut. Dann habe ich mich hinter einem Baum versteckt. Ich gebe es zu, da stand der alte Knochenkopp und hat geweint, wie ein kleiner Junge……
Ein ähnliches Gefühl erlebte ich später noch einmal: Gegen viele Einwände und Widerstände habe ich meine Idee letzten Endes durchgesetzt, und eine feste Wasserversorgung für das Flüchtlingslager gebaut. Drei Kilometer Wasserleitung mit acht Wasserstellen im Camp verlegt, drei riesige Tanks mit je einhundert Kubikmeter Fassungsvermögen gebaut, drei offene Brunnen im einen Kilometer entfernten Wadi erschlossen und mit einer starken Pumpe mit den Tanks verbunden. Nach monatelangen Querelen und wochenlangem Schuften in sengender Sonne und Staub, dann der große Moment: Pumpe anwerfen und am Tank warten, ob das Wasser kommt. Drei Zoll Leitung und einen Kilometer – das dauert eine endlose Zeit. Zeit, um nachzudenken: alles richtig kalkuliert, keinen Fehler gemacht? Oh Gott, da kommt nichts! Plötzlich, es waren tatsächlich nur ein paar Minuten, ballert ein dicker Wasserstrahl, wie die Erlösung, in den Tank. Auch da wurden mir die Knie weich. Das Camp hatte eine eigene Wasserversorgung und ich bin heute stolz darauf, dass „mein“ Camp in all den Jahren das einzige Camp der Region war, das nicht einen Tag ohne ausreichende Wasserversorgung auskommen musste.
So haben wir sie doch noch gefunden, die wahren Gründe, warum ich in Iriba „hängen geblieben“ bin; denn Dankbarkeit, Achtung und Respekt für meine Arbeit, die mir hier reichlich entgegengebracht werden, haben dazu beitragen, dass der „Arsch der Welt“ so etwas wie meine zweite Heimat wurde. Zudem denke ich, nicht jeder hat das Glück, in seiner Arbeit mehr als einen Job, nämlich eine echte Aufgabe zu finden. Auf diese Weise hat es letztlich auch für mich persönlich eine Bedeutung bekommen: l’eau c’est la vie.
Hier gehts zurück zum ersten Teil des Berichtes.
Urban Britzius ist Help-Landeskoordinator im Tschad.
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