Geschrieben von Berthold Engelmann am 28. Oktober 2011
Abgelegt unter Allgemein, Gesundheit, Nothilfe, Wiederaufbau
Help-Nothilfekoordinator Berthold Engelmann reiste Mitte Oktober 2011 nach Japan, um sich ein Bild vom Stand der Help-Projekte in Japan zu machen. Im zweiten Teil seines Blogs trifft er viele Überlebende des Tsunamis mit ihren traurigen Geschichten und sieht, dass sich die Region nur langsam erholt.
7.000 Haushalte leben in Containern
Heute lebt Hiroyuki – wie 7.000 andere Familien in Ishinomaki – in einer der vor der Stadt errichten Container-Siedlungen. Alles solide gebaut und mit Heizungen, Bädern und Küchen ausgestattet. Aber es sind eben nur Container, in denen jede Person durchschnittlich 8 qm bewohnt. Mit kleinen Topfpflanzen vor den Eingängen, versuchen die Bewohner, ihre triste Siedlung etwas schöner zu gestalten.
“Trotzdem sind wir dankbar, denn wenigstens konnten wir nach sechs Monaten aus dem Evakuierungszentrum, einer Turnhalle, in der wir mit 150 anderen Menschen seit dem Tsunami leben mussten, in diesen Container ziehen,“ erzählt uns die 76-jährige Abe Taheko, die wir in der Siedlung treffen. Zusammen mit Ihrer 53-jährigen Tochter Miyako und deren beiden Kindern im Alter von 18 und 20 Jahren wohnt sie nun in einem Container von 35 Quadratmetern. „Und besonders danken wir JEN und Help, denn in den sechs Monaten im Evakuierungszentrum hat uns die Suppenküche von JEN sehr geholfen. Und dank der Basisausstattung für unsere Containerwohnung können wir nun wieder einen normalen Haushalt führen“, erzählen mir die beiden. Mit Unterstützung von Help konnte JEN 1.100 Haushalte in den Containern mit einer Basisausstattung aus Matratzen, Decken, Töpfen, Geschirr, Reinigungsmitteln und allem, was man so in einem kleinen Haushalt benötigt, ausstatten. Mit der Unterstützung von anderen Gebern erreichte JEN sogar alle der 7.000 Haushalte in den Containern von Ishinomaki.
Denn wie Hiroyuki und Abe hatten die Bewohner der Küstenstädte nur 50 – 70 Minuten, um sich zu retten. Dabei verloren die meisten alle ihre Habseligkeiten. Auch Abe erzählt mir, wie sie den Moment des Tsunami erlebte: „Wir hatten Glück, denn wir vier waren zusammen zuhause, als das Erdbeben passierte. Unser Haus blieb zunächst unversehrt, aber ich wusste sofort, dass da noch etwas nachkommen würde. Wir beschlossen deshalb, in ein hohes Schulgebäude in der Nähe zu fliehen. Hier waren wir in Sicherheit, aber was wir unter uns sahen, werde ich nie vergessen“, erzählt sie. „Ertrinkende Menschen trieben vorbei, zum Teil eingeschlossen in ihren Fahrzeugen. Wir versuchten mit Holzlatten einige der Vorbeitreibenden zu retten, aber die Gewalt des Wassers war einfach zu stark.“ Ihre jüngere Schwester und zwei ihrer Cousinen starben in einem Küstenort in der Nähe.
25 Meter hohe Welle
Am nächsten Tag fahren wir an der Küste der Halbinsel Oshika entlang auf dem Weg zu einem weiteren Projekt von JEN und Help. Auch hier das gleiche Bild der Zerstörung. Die rund 10.000 Bewohner der Halbinsel lebten fast ausschließlich vom Fischfang, aber alle Fischerdörfer und die gesamte Infrastruktur dafür wurde zerstört. Am meisten beeindruckte mich die kleine Stadt Onagawa, wo vor dem Tsunami 5.000 Menschen lebten. Hier entwickelte der Tsunami seine ganze Kraft mit einer 25 Meter hohen Welle, die tief ins Landesinnere eindrang. Wir stehen auf einem Plateau etwa 20 Meter über dem Meeresspiegel, wohin sich etwa 70 Menschen nach der Tsunami-Warnung geflüchtet hatten. Ein vermeintlich sicherer Platz, denn die Welle tötetet alle Flüchtlinge selbst in dieser Höhe.
Unter uns liegt friedlich der Pazifik, fast ohne Wellen. Ein 5-stöckiges Betongebäude liegt noch immer auf der Seite. Was hier am 11. März geschehen ist, kann ich mir nicht vorstellen. Onagawa wird wohl nicht mehr aufgebaut werden.
Mit dem Boot gegen den Tsunami
In Ayukawa, dem Hauptort von Oshika, haben JEN und Help zur Unterstützung der Fischer und ihrer Familien verschiedene Projekte gestartet, die mich sehr beeindrucken. Fast alle der Bewohner leben wie in Ishinomaki in Containern. Nicht nur ihre Häuser wurden zerstört, sondern auch die gesamte Infrastruktur in Form von täglich benötigten Dienstleistungen oder Geschäften. Das einzige, was manche Fischer retten konnten, sind ihre Boote, da sie nach der Tsunami-Warnung der Welle entgegen fuhren. Eine mutige Entscheidung, aber sie rettete nicht nur ihr Leben, sondern auch ihre wichtigstes Arbeitsmittel. Da aber die Netze und Hafenanlagen kaputt sind und die Kühlhäuser nicht mehr funktionieren, bringt ihnen das im Moment auch nicht viel.
Erste Schritte in eine bessere Zukunft
Um einen ersten Schritt in Richtung Normalität zu gehen, haben JEN und Help, finanziert von der Commerzbank, dem Hilfswerk der deutschen Lions und der Audio AG, zusammen mit den örtlichen Gewerbetreibenden einen Plan entwickelt, wie sich die Wirtschaft in Ayukawa langsam wiederbeleben lässt. Es entstehen zunächst zwei große Gebäude mit jeweils einer Ladenstraße und je acht kleinen Gewerben wie Fischhändler, Friseur, Lebensmittelhändler, Sushi-Laden etc. Sogar ein Tourenanbieter für Touristen möchte dort neu beginnen, denn vor dem Tsunami war Oshika auch ein beliebtes Ausflugsziel. Alle Läden wurden in einer offenen Ausschreibung vergeben und es wurden vor allem Händler und Dienstleister aufgenommen, die bereits vorher in Ayukawa tätig waren und die nun für die Versorgung der Bevölkerung wichtig sind. So sollen nicht nur die Gewerbe gefördert, sondern auch die Versorgung der Bevölkerung gesichert werden. Der 23-jährige Tatsuya Henmi wird hier einen Laden für Trockenfisch eröffnen: „Ich setze damit unsere Familientradition fort. Mein Vater hatte hier im Ort vor dem Tsunami einen Fischladen. Der Laden wurde aber zerstört, mein Vater beim Tsunami schwer verletzt. Er starb im Mai dieses Jahres auch als Folge der Verletzungen. Nun möchte ich sein Werk fortsetzen und zunächst meine Mutter und mich versorgen können“, sagt er mir. Am 11. November wird die Ladenstraße fertig gestellt sein und die ersten Geschäfte sollen einziehen. In einem weiteren Projekt unterstützen wir die Fischer beim Knüpfen von Netzen. Alles erste Schritte in eine bessere Zukunft.
Deutsch-Japanische Solidarität
Ich verlasse Ishinomaki am nächsten Tag zwar voll mit Eindrücken der schockierenden Bilder, die ich gesehen, und der Geschichten, die ich gehört habe, aber auch mit einem hoffnungsvollen Blick in die Zukunft, den mir die Japaner mit Ihrer Gelassenheit und Ihrem Willen, den Wiederaufbau selbst in die Hand zu nehmen, gegeben haben. Und ich bin froh gesehen zu haben, dass jeder Euro, der in der Welt für die japanischen Erdbebenopfer gesammelt wurde, hier dringend gebraucht wird und auch bei den Menschen ankommt. Auch wenn es Jahre dauern wird, bis hier wieder Normalität einkehrt. „Wir sind froh über die Hilfe und Solidarität aus Deutschland und hoffen, dass wir uns irgendwann einmal revanchieren können“, bedankt sich Hiroyuki bei mir. „Solltet Ihr in Deutschland einmal eine Katastrophe haben, sind wir sofort zur Stelle, um Euch zu helfen.“
Hier können Sie den ersten Teil der Projektreise Japan lesen.
2 Kommentare »

am 18. November 2011 um 13:16 1. Luisa schrieb …
JEN & help ich liebe euch
Danke das ihr euch die Mühe macht zu Helden
am 18. November 2011 um 13:18 2. Luisa schrieb …
ich meine Helfen