Geschrieben von Alfred Horn am 23. Juni 2010 | Abgelegt unter Allgemein
Das Leben als Entwicklungshelfer in Afghanistan ist nicht immer leicht, doch wenn die Arbeit Spaß macht und die Menschen, denen wir helfen vorankommen, dann lassen sich mancherlei Risiken und Entbehrungen verschmerzen. Mir persönlich fehlt jedoch seit langem ein ordentlicher Bridge-Club.
Leider können nur wenige internationale Helfer hier in Herat Bridge spielen, und so war es immer schwer, eine Runde von auch nur 4 Spielern auf die Beine zu bekommen. Das ändert sich derzeit:
Seit den Zeiten der englischen Kolonialherrschaft in Indien – und ihren gelegentlichen Expeditionen nach Afghanistan – hat sich hier eine Frühform von Bridge unter dem Namen “Fiscot” verbreitet. Wie der Name entstanden ist, habe ich noch nicht rausgefunden; aber ich muss dabei immer an “Fitzgerald Scott” denken, vielleicht Soldat eines Highlander-Regiments dereinst in Kabul. Die Regeln sind einfach: 52 Karten, 4 Spieler, 2 Teams. Zuerst werden jedem Spieler 5 Karten ausgeteilt, und der erste Spieler nach dem Geber muss eine Trumpf-Farbe bestimmen. Wenn er kein eindeutiges Blatt hält, kann er auch entscheiden, dass z.B. seine 8. Karte die Trumpf-Farbe bestimmt. Er selbst spielt diese Trumpfarbe dann an. Wer von den beiden Teams 7 Stiche macht, hat gewonnen, weitere Stiche sind nicht von Interesse.
Eine spannendere Variante von Fiscot heißt “Tekke”. Dabei müssen mindestens 8 Stiche gereizt werden. Wer am höchsten bietet, kann Trumpf bestimmen und muss dann auch sofort einen Trumpf ausspielen. Einen Dummy gibt es nicht, NT ist unbekannt, ebenso wenig werden Prämien oder Strafen notiert. Eine Regel ist allerdings hochinteressant: Wenn eine Partnerschaft z.B. 10Pik angesagt hat, kann sie mitten im Spiel auf 11 erhöhen – wenn die Gegner zustimmen. Dann wird doppelt gezählt, bei Erfüllen also 22 Punkte. Lehnen die Gegner aber die freiwillige Erhöhung des Risikos durch die Spieler ab, verlieren sie damit automatisch den ursprünglichen Kontrakt – und die Karten werden zusammengeworfen. In unserem Fall würden sich die Spieler 10 Punkte gutschreiben. Diese Variante kommt der Spiel-Leidenschaft der Afghanen prächtig zu pass: Ich habe schon so manches Spiel gesehen, wo noch nicht einmal 8 von 10 angesagten Stichen drin waren, aber mit einem guten Bluff wurden die Gegner eingeschüchtert, sodass sie statt der drohenden 22 Punkte lieber 10 akzeptiert haben – und die Kuh war vom Eis. (Wenn doch die internationale Strategie in Afghanistan nur genauso erfolgreich wäre! ).
Nun sind Afghanen immer neugierig; und meistens wollen sie sogar etwas Neues lernen. Deshalb machen wir jetzt unseren eigenen Club auf und lernen einige afghanische Fiscot- und Tekke-Spieler in modernem Bridge an. Der harte Kern sind die Dänin Inge Lise, die hier ein medizinisches Projekt leitet, und ich selbst. Beide sind wir eher Gelegenheitsspieler, aber was soll‘s? Nachdem mich die Damen des Bridge-Club Bonn beim Sonderturnier zur letzten Weiberfasnacht ein paar Bietboxen und Kartenspiele gewinnen ließen, können wir hier sogar aus dem Vollen schöpfen – und die ersten 6 NT (6 Stiche ohne Trumpf) sind tatsächlich schon formvollendet geboten – und sogar gewonnen worden.
1 Kommentar »

am 14. Dezember 2010 um 20:31 1.Berti Skenderasi schrieb …
Hi Alfred,
I am surprised to find you here and what surprised me at most was seeing you playing bridge! If you remember me, I was working in Youth Centre in Korca, Albania!
Warm Regards,
Berti