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Schulkinder in Zimbabwe

Während der letzten 20 Jahre hat Präsident Robert Mugabe sein Land in den völligen bankrott getrieben. Simbabwes Wirtschaft liegt am Boden. Neben der höchsten Inflationsrate die jemals in der Weltgeschichte verzeichnet wurde, weist das Land eineArbeitslosenrate von 94% und eine durchschnittliche Lebenserwartung von 32 Jahren auf. Simbabwes Gesundheitssystem ist kollabiert; Medikamente, Krankenhäuser und qualifizierte Ärzte sind Mangelware. Aufgrund der schlechten Hygienesituation, die sich mit dem Ansiedeln der im Zuge der politischen Gewalt vertriebenen Menschen in städtischen Regionen noch verschlechterte, breitete sich eine Cholera Epidemie im ganzen Land aus, die neben 90.000 Infizierten bisher über 4.000 Todesfällegefordert hat.

Einst der Ernährer des gesamten südlichen Afrikas, kann das Land nun nicht mal mehr einen Bruchteil seiner Bevölkerung ernähren. 4 Mio. Menschen sind auf externe Nahrungsmittelhilfe angewiesen. Neben Grundnahrungsmittlen gehören Wasser, Benzin und Elektrizität zu den am dingensten benötigten Gütern.

Was bedeutet es, in so einem Land jung zu sein, Träume zu haben, lernen zu wollen?

Die 13 jährige Tafadzwa geht in die siebte Klasse der Gymnasiums, während ihr 8 Jahre alter Cousin Tererai in die dritte Klasse der Grundschule geht. Heute haben die Ferien begonnen, das erste der drei jährlichen Schulsemester ist geschafft.

Ich treffe die beiden in einem kleinen Cafe in der Stadt, wo ich ihnen eine Fanta ausgebe, bevor sie geduldig meine Fragen beantworten.

DIe Schule fängt für beide um 7:30 Uhr an und endet um 13:30 Uhr. Tafadzwa und Tererai haben glück, sie wohnen in der Stadt und ihr Schulweg beträgt lediglich 30 Minuten. Viel ihrer Freunde hingegen leben außerhalb in den Vororten der Stadt. Manche Kinder müssen bereits um 4 Uhr morgens das Haus verlassen, um pünktlich zum Unterricht zu erscheinen. "Zu Fuß!" japst der kleine Tererai entsetzt.

In einem Land, in dem die Monatsgehälter nicht einmal ausreichen um einen Laib Brot zu erwerben, bieten öffentliche Verkehrsmittel, sofern überhaupt vorhanden, keine realistische Alternative zum Fußmarsch. Da es aufgrund der katastrophalen Nahrungsmittelversorgung in der Schule kein Mittagessen gibt, müssen die Kinder den 3 stündigen Heimweg durch die Mittagshitze am Ende des Unterrichts mit leerem Magen zurücklegen.

Mit der kürzlichen Einführung ausländischer Währungen als Zahlungsmittel, ist der wertlose ZIM$ vom Markt verschwunden. Allerdings sind die Preise der Grundnahrungsmittel, welche in die Regale der Supermärkte zurückgekehrt sind, unverhältnismäßig und willkürlich und somit für die meisten Menschen unerschwinglich.

Die Schulgebühren pro Semster wurden soeben von ca. 20 US$ aus 200 US$ pro Kind angehoben. Hinzu kommen weitere Gebühren und Abgaben, in Tafadzwas Fall 83 US$, sowie Zahlungen für Schulmaterial. Letztere werden meist, wenn auch bezahlt, nicht ausgehändigt da sie schlichtweg nicht verfügbar sind.

Tafadzwa macht sich große Sorgen um ihre Bildungszukunft: "Meine Mutter verdient 40 US$ im Monat. Unsere Miete beträgt 120 US$. Wasserund Strom müssen auch bezahlt werden, und natürlich Essen. Und dann die Schulkosten...".

Auch wenn die Schulgebühren irgendwie aufgebracht werden können, gibt es keine Garantie, dass die Kinder auch wirklich ihre Bildungseinheiten erhalten. Simbabwes Lehrer befinden sich seit Jahren im Streik für bessere Gehälter. Vor einigen Wochen, als der ZIM$ noch die einzige legale Währung war, waren die Monatsgehälter der Lehrer so kläglich, dass sie sich dafür nicht einmal eine Busfahrt zum Arbeitsplatz leisten konnten.

Tafadzwa erzählt mir von der Situation im letzten Jahr. Die Lehrer erschienen entweder überhaupt nicht zum Unterricht oder nur sporadisch. Ein Semster ist gänzlich ausgefallen und niemand wusste wann der Unterricht wieder aufgenommen werden würde. Ihre Schule hat 40 Klassen, in jeder sitzen durchschnittlich 30 Schüler. Während der Streiks im letzten Jahr wurden diese Kinder von ledglich vier Lehrern betreut. "Meine Schule war tot. Viele meiner Mitschüler haben die Motivation am Lernen verloren und sind einfach nicht mehr erschienen. Aber ich wollte lernen und bin jeden Tag in die Schule gegangen, in der Hoffnung, dass irgendetwas stattfindet" erzählt sie. In Tererais Schule waren die Verhältnisse noch schlimmer: die 30 Klassen beherbergen durchschnittlich 50 Schüler. Einige Schulen wurden über mehrere Monate sogar ganz geschlossen.

Kinder in Simbabwe sind verpflichtet Schuluniform zu tragen, was zusätzliche Kosten für die Eltern bedeutet. Ohne Uniform gibt es jedoch keinen Schulplatz. "Meist wird den Familien eine Frist eingeräumt um die fehlenden Kleidungsstücke, wie z.B. passende Schuhe oder eine Bluse, zu erwerben. Wenn man es nicht schafft, ist man raus" erklärt Tafadzwa und fährt fort: "viele Kinder kommen in Plastiksandalen zur Schule, weil vernünftige Schuhe zu teuer sind. Das bedeutet aber, dass sie die Schulregeln missachten und das wird bestraft. Du musst dann auf steinigem und spitzen Untergrund in der Sonne knien."

Sowieso ist körperliche Bestrafung in Simbabwe immer noch eine gängige und weit reichend praktizierte Maßnahme. Mit Stock-, Lineal- und Gartenschlauch-Schlägen auf Finger, Knöchel und Knie, für Vergehen wie nicht gemachte Hausaufgaben, Unaufmerksamkeit und Ungehorsam wird den Kindern Disziplin und Gehorsam beigebracht. Tererai vertraut mir an: "Neulich wurde ich mit einem Stock auf die Knie geschlagen, weil ich mich nicht ordentlich in die Reihe eingegleidert hab, so dass ich danach nicht mehr normal laufen konnte". Ich frage die Kinder, ob sie denken, dass solche Art von Bestrafung seinen Sinn erfüllt und beide bejahen einstimmig: " Einige Kinder werden immer Störenfriede bleiben, aber die Mehrheit begeht dieselben Fehler nicht noch einmal."

Als ich Tafadzwa nach ihrem Lieblingsfach frage, fängt sie an: "Buchhaltung, Wissenschaft, Geschichte, Englisch..." und fährt nach einer Pause fort: "... und auch Geographie, Literatur, Mathe..." womit sie dann auch das gesamte Schulfach-Repertoire erschöpft hat. Wenn sie erwachsen ist, möchte sie Astronautin werden. "Wenn das nicht klappt, will ich Wissenschaftlerin werden. Ich liebe es, Sachen zu erforschen. Oder Buchhalterin in einer großen Firma...oder...ich hab so viele Ideen. Ich will alles werden!" endet sie.

Große Träume und eine überwältigende Motivation eines Mädchens, welches in Zeiten des unendlich scheinenden wirtschaftlichen und politischen Absturzes Simbabwes geboren wurde und somit die täglichen Existenzängste der Erwachsenen teilen muss aber dennoch an ihre eigene Zukunft glaubt.

Von Leona Keyl